In conversation with Tor Opsvik

Während des Designers’ Saturday in Oslo durften wir ein Gespräch zwischen dem Innenarchitekten Fredrik Bull und Tor Opsvik führen – Sohn von Peter Opsvik und heute verantwortlich für die Weiterführung des Peter Opsvik Studios. Im Studio, in dem Peter über Jahrzehnte hinweg seine wegweisenden Designs entwickelte, drehte sich das Gespräch um Erinnerungen, Haltung und Philosophie – und um die Überzeugung, dass die beste Sitzposition immer die nächste ist.

PHOTOS BY JOHANNE NYBORG

Kannst du uns ein bisschen über Peter erzählen?

Peter wurde 1939 in Stranda geboren – einem kleinen Ort im Nordwesten Norwegens mit rund 4.000 Einwohnern und damals erstaunlich vielen Möbelfabriken. Sein Vater Nils gründete in den 1920er-Jahren zusammen mit einem Nachbarn eine Möbelfabrik. Sie ging in der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre bankrott. Nach dem Krieg startete er gemeinsam mit seinem Bruder erneut – und dieses Mal mit Erfolg. Während Peters Militärdienst schickte ihm sein Vater ein Bewerbungsformular für den Studiengang Design an der Kunst- und Handwerksschule. So begann Peters Weg als Designer.

Welche Erinnerungen hast du an Peter?

Als Kind habe ich meinen Vater eher als Erfinder wahrgenommen – nicht als Designer. Ich glaube, das Wort „Designer“ kannte ich selbst erst als Teenager. Er stellte permanent alles infrage: Warum ist dieses Objekt so gemacht? Warum machen wir das überhaupt so? Es muss doch eine bessere Lösung geben. In seinen letzten Jahren war er mehrmals im Krankenhaus. Jedes Mal kam er mit dem Kopf voller neuer Ideen zurück, wie man Krankenhausausstattung verbessern könnte. Er war regelrecht besessen davon, gute Lösungen zu finden. Manche seiner besten Momente waren genau die, in denen eine Idee so stark war, dass er nachts nicht schlafen konnte – er lag wach und wartete nur darauf, dass es endlich Morgen wurde, um weiter daran zu arbeiten. Er sagte einmal: Wenn man eine Idee hat und trotzdem die ganze Nacht gut schläft, dann ist sie vermutlich nicht gut genug.

„Er hat ständig alles hinterfragt. Warum ist dieses Objekt so gemacht? Warum tun wir Dinge auf diese Weise? Es muss doch eine bessere Lösung geben.“

Peter ließ offenbar lieber seine Arbeit für sich sprechen, statt über sich selbst zu reden?

Ja, das stimmt. Vor zwei Jahren wollte eine Kunsthistorikerin ein Buch über sein Leben und sein Werk schreiben, aber er hat abgelehnt. Er sagte:
„Meine Gedanken und die Ergebnisse meiner Arbeit stehen in Rethinking Sitting. Ich möchte nicht, dass meine Person – wer ich war – davon ablenkt.“ Vielleicht habe ich dir jetzt schon mehr über ihn erzählt, als ihm eigentlich recht gewesen wäre.


Wie dachte Peter über Form und Funktion?

Er war ein Funktionalist – in dem Sinn, dass die Funktion den Entwurf leiten sollte. Form folgt Funktion. Aber er hat Funktion nie einfach vorausgesetzt. Oft begann er mit der Frage, was die eigentliche Funktion überhaupt sein könnte. Ein Stuhl, der mit dem Kind mitwächst, existierte zum Beispiel nicht, bevor er 1972 Tripp Trapp entwarf. Gleichzeitig waren einige seiner Entwürfe auch visuelle Experimente – ohne klar definierte Funktion. In diesen Phasen arbeitete er eher wie ein Künstler als wie ein klassischer Designer: aus Neugier und aus innerem Antrieb. Diese Freiheit war entscheidend für die starke visuelle Wirkung vieler seiner Stühle.

Why chairs?

I wasn’t born when he started designing chairs, so I don’t know exactly why he began. But I know why he continued. He had new and groundbreaking ideas about sitting itself. In the 1970s, ergonomists were still debating the best sitting posture. Some argued for a slightly reclined posture, others for a forward leaning posture with an open hip angle. Peter believed that the best sitting posture is the next one. Even the most comfortable position becomes uncomfortable after a while.


Our bodies are made for movement. The function of a chair should be to allow movement even while sitting. He often said: “If you are allowed to move, you move.” That is why he designed chairs that follow the body’s desire for movement rather than locking it into one position.

Er sagte oft: „Wenn du dich bewegen darfst, dann bewegst du dich.“ Genau deshalb entwarf er Stühle, die dem natürlichen Bewegungsdrang des Körpers folgen – statt ihn in eine einzige Position zu zwingen.

Peter sprach davon, dass wir mit den Füßen sitzen. Was meinte er damit?

Als er sich intensiver mit Bewegung beschäftigte, machte er eine interessante Beobachtung: Wenn wir gut sitzen, sitzen wir eigentlich nicht auf dem Gesäß – wir sitzen mit den Füßen. Über die Füße verändern wir unsere Haltung und wechseln ständig die Position.


In der klassischen 90-Grad-Sitzhaltung zwischen Unterschenkel, Oberschenkel und Oberkörper stehen die Füße fest auf dem Boden. In Wirklichkeit sitzt aber kaum jemand lange so. Menschen lehnen sich zurück und nutzen nur den oberen Teil der Rückenlehne – oder sie beugen sich nach vorne und nutzen die Lehne gar nicht. Eigentlich sitzen wir nur dann „korrekt“, wenn wir im Möbelhaus einen Stuhl ausprobieren. Weil wir gelernt haben, dass genau diese Haltung als richtig gilt.


Diese Idee spiegelt sich auch in sattelähnlichen Sitzpositionen wider, die teilweise vom Reiten inspiriert sind. Reiter waren vermutlich die ersten Menschen, die sehr lange sitzen mussten. Sie saßen im Gleichgewicht, mit offenem Hüftwinkel – und mit der Erfindung des Steigbügels kam die aktive Kontrolle über die Füße hinzu. Genau diese drei Elemente – Balance, offener Hüftwinkel und Fußkontakt – sind zentral für aktives Sitzen.

Viele seiner Stühle wirken fast radikal – mit Aussparungen und offenen Formen. Warum?

Stühle sind ein bisschen wie Erziehung. Ein guter Stuhl unterstützt dich an den richtigen Stellen – aber man vergisst leicht, dass zu viel Unterstützung auch Freiheit nimmt. Deshalb haben viele von Peters Stühlen gezielt Aussparungen. Unterstützung ist dort platziert, wo sie wirklich nötig ist. Andere Bereiche bleiben offen, damit Bewegung möglich bleibt. Nimmt man bei manchen Modellen zum Beispiel die Armlehnen weg, werden die Ausschnitte in der Rückenlehne plötzlich zu Ellenbogenstützen.

“Peter hat ein ganzes Buch über das Sitzen und die Funktion von Stühlen geschrieben. Über Form sprach er dagegen möglichst wenig. Das heißt nicht, dass ihn Gestaltung nicht interessiert hätte – im Gegenteil.”

Einige seiner Entwürfe stellten klassische Vorstellungen von Form stark infrage. War Form für ihn nur ein Ergebnis von Funktion?

Peter sah den Stuhl als etwas zwischen Architektur und Kleidung: weicher als das Gebäude, in dem wir leben – aber strukturierter als Kleidung. Er bewegte sich bewusst in diesem Zwischenraum. Alles zwischen Haus und Kleidungsstück konnte für ihn ein Stuhl sein. Er entwarf auch Schränke, die eher wie Wandobjekte wirkten als wie klassische Aufbewahrungsmöbel. Ihr Stauraum war absichtlich begrenzt. Dahinter steckte durchaus eine Haltung – nämlich mit weniger Dingen zu leben. Manchmal ging es aber schlicht darum, diesen Grenzbereich zwischen Kunst und Möbel aus Neugier und Spielfreude auszuloten.

Zum Abschluss: Kannst du uns kurz etwas über die Zukunft des Studios und der Firma Peter Opsvik erzählen?

Die Arbeit geht weiter. Das Studio wird Peters Ideen vom Sitzen in Bewegung und mit Variation weitertragen und weiterentwickeln – nicht als kurzfristige Trends, sondern als grundlegende Prinzipien. Der Gedanke dahinter ist ganz einfach: Wenn wir uns bewegen dürfen, dann bewegen wir uns.

„Die Arbeit geht weiter. Das Studio wird Bewegung, Variation und Balance weiter erforschen – nicht als Trends, sondern als grundlegende Prinzipien. Die Idee ist einfach: Wenn wir uns bewegen dürfen, dann bewegen wir uns.“